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Projekte - Aktuelle Notizen

OFFENER BRIEF

Herr Intendant
Martin Heller
Linz 09

Kirchberg, 22.03.2008

HELLERS TRAUM

Sehr geehrter Herr Heller!

Ich hatte einen Traum.
Sie, Herr Heller, hatten mich zu einem Abendessen eingeladen. Ich war der Einladung gerne gefolgt. Sie versprach eines dieser Gespräche, für die Sie sich immer Zeit nahmen, um der Szene aufs Maul zu schauen, um den Linzer Atem zu spüren, wie Sie so schön sagten. Airan Berg war busy, er blieb fern, dafür musste er eine Flasche Wein spendieren. So wichtig nahmen wir unsere spontanen Treffen. Schließlich ging es 06 bereits um Linz 09.
Die enge Atmosphäre eines überfüllten Beisls und die Linzer Hausmannskost, es gibt keinen besseren Garant dafür, einander zuhören zu müssen, auch wenn es einem nicht passt, was man zu hören bekommt. Bei unserem letzten Treffen hatte ich, nicht ahnend, welch Durchhaltevermögen Zwetschkenknödel bei Ihnen auslösten, zunächst Binsenwahrheiten in den Raum geschmettert:
Die heimische Kunstszene ist lebendig, vertrauenswürdig und international wettbewerbsfähig! Aber sie wäre noch effizienter, wenn sie ausreichend Mittel zur Verfügung hätte. Wenn man sie also zu herausragenden Leistungen animieren möchte und man haben will, dass Linz 09 ein authentischer, ein nach Europa ausstrahlender Wahnsinn wird, dann lässt man sie frühzeitig mitgestalten, auch die internationalen Gäste für ihre Arbeiten mit aussuchen, gibt ihnen lange Leine. Setzt man jedoch auch noch Vertrauen in die Szene, ohne Mäzchen und Hintergedanken, dann kann sich das 09-Team entspannt seiner eigentlichen Aufgaben widmen: koordinieren, zusammenführen, vermarkten, tja, und Lorbeeren einheimsen. Eh klar: Vertrauen schafft Motivation und Struktur und Dotierung die Möglichkeiten, ungeahnte Energien und Synergien frei zu schaufeln, um ein schöpferisches Klima zu schaffen, das Grenzen zu einem Europa wie selbstverständlich sprengt. Schöne Aussichten also: kein künstliches, schales Kulturjahr, eher ein quirliges Jahrzehnt der Kulturen.
Dies also der Stand, soweit hatten Sie, Herr Heller, ein offenes Ohr für mich, in meinem Traum, zumindest solange, bis Sie das Rezept der Zwetschkenknödel in der Tasche hatten.
Und jetzt eben eine weitere Einladung. Augenblicklich war ich bestens gelaunt. Denn sie bedeutete eine Chance, weitere heikle Punkte aufzugreifen. Um mit der Tür nicht gleich ins Haus zu fallen bestellte ich gleich mal Wiener Schnitzel und Salzburger Nockerl, Sie, Herr Heller, Züricher Geschnetzeltes und Linzer Torte. Quasi, eine Herausforderung, aufs Ganze zu gehen.
Wenn schon offene Ausschreibungen, quasi ohne Spielregeln, Herr Heller, hob ich also an, dann mit der Konsequenz transparenter, den Künstlern zugewandter und permanenter Begleitung als ebenbürtige Partner. Und bitte niemals die Künstler von oben herab behandeln, Herr Heller, niemals zu wissen vorgeben, was Linz braucht, niemals Projektentwickler als Selbstverwirklicher einsetzen, was sie egoistisch werden lässt und blind macht für die Arbeit anderer und vor allem: niemals Künstler ungerechtfertigt der Selbstüberschätzung bezichtigen. Dieses perfiden Vorwurfes bediente sich bereits in den Achtzigern eine verzopfte Kulturpolitik jungen aufstrebenden Kulturschaffenden gegenüber. Sie wollte es nicht dulden, dass sich etwas regte im Lande, das ihrer Kontrolle entglitt und es wagte, auch noch finanzielle Forderungen zu stellen. Dem Versuch, die aufmüpfigen Kulturschaffenden in OÖ. klein und abhängig zu halten, haben sich diese hartnäckig, mutig, manchmal tollkühn und in gnadenloser Selbstausbeutung erfolgreich entgegengestellt und hoffentlich für ewig abgeschüttelt. Sie reagieren daher heute äußerst empfindlich auf Bestrebungen, sie mit unverhohlenen Bemerkungen dieser und ähnlicher Art abkanzeln und einsacken zu wollen. Da werden sie grantig, die Heimischen, und unangenehm, Herr Heller.
Ich sah in Ihrem Blick, dass Sie nicht bei der Sache waren. Hatten Sie mir überhaupt zugehört? Vorsichtshalber schob ich Ihnen meine frischen, dampfenden Salzburger Nockerl über den Tisch in Ihr Blickfeld, doch Sie beachteten meine kleine Aufmerksamkeit nicht. Ihr Blick war auf Ihre Linzer Torte gerichtet, als wäre sie ein Fremdkörper in der Stadt. Und sprangen höchst erregt auf. Das war mir neu an Ihnen, Herr Heller. Also sprang ich ebenso auf und so standen wir voreinander, mitten in einem überfüllten Beisl, den Blicken der Linzer ausgesetzt. Und es wurde mit einem Mal still um uns herum. Sie hätten einen Traum gehabt, sagten Sie (ein Traum in meinem Traum, wie grotesk!). Sie sprachen leise, aber alle hörten es. Darin sei Ihnen endlich klar geworden, was Linz 09 bedeuten könne, ja müsse. Man hing quasi an Ihren Lippen, nichts Ungewöhnliches, aber irgend etwas war neu in Ihrer Sprache, sie war nicht routiniert moduliert, sie war lebendig, tja, menschlich, voller Wärme:
Ein unübersehbares Zeichen der Solidarität zwischen allen Menschen dieser Welt, gerichtet gegen jede Vereinnahmung und Verhetzung durch die Mächtigen der Welt, ein Aufschrei gegen Terror und Schrecken einer explodierenden Konsumgesellschaft, eine radikale Absage der Gewalt an unserer Erde, ein berauschender Ausdruck von Friedfertigkeit gegenüber Andersdenkenden . Und alles gebündelt in die positivste Energieform, zu der der Mensch fähig ist: Seiner unbändigen positiven Kreativität. Getragen von den Bewohnern diese Landstriches und den Kunstschaffenden aus Nah und Fern als deren Zeremonienmeister...
Wir werden die Welt wahrlich retten, von Linz aus!

Ich war erstaunt, verblüfft, solches hatte ich nicht erwartet. Nicht unbedingt von Ihnen, Herr Heller. Immerhin, die Stadtväter, die Politik, der Auftrag, Europa, sie wissen schon...
Ich machte mir echt Sorgen.
Sind Sie noch zu retten, entfuhr es mir kurz und schämte mich gleich ob der Enge meiner Gedanken. Aber bevor Sie sich noch, mit neuem Sendungsbewusstsein und in Demut vor der ungeheuren Stille des Linzer Beislpublikums zu einem Schlussakkord hinreißen ließen, Sie zu einer für NULLNEUN und diese Stadt alles umfassenden, radikalen und endgültigen Bemerkung abheben konnten, da stürzten wir beide; ich aus meinem, Sie aus Ihrem und meinem Traum.

Es ist zwei Jahre später, 2008.
In der puren Wirklichkeit haben Sie, Herr Heller die StadtkünstlerInnen bei jeder Gelegenheit der "Selbstüberschätzung" bezichtigt, Sie wissen es den Linzern gegenüber einfach stets BESSER, und von einer ausreichenden Projektbegleitung kann keine Rede sein. Eher sind da Rosinenpiker am Werk, was eine unfaire Sache darstellt. Aber siehe da: sie wollen tatsächlich die Welt retten, projektmäßig, lese ich soeben. Sag einer was gegen Träume.
Im Büro 09 schiebt mir Airan Berg ganz real eine Flasche Weißwein über den Tisch.
Mit der Bemerkung, er hätte etwas gut zu machen, eine kleine Entschuldigung, quasi.
Und jetzt laden Sie, Herr Heller, mich auch noch zum Abendessen ein.
Wie komme ich dazu? Ich habe Ihnen vier Projekte angeboten und alle vier wurden aus meiner Sicht keiner gebührenden Bearbeitung unterzogen. Zwei dieser Projekte ließ man kurzerhand gegen die Wand poltern und zwei weitere nach ZWEI JAHREN internem Herumgeschiebe fast unbemerkt im Sande verlaufen. Und heute laden Sie mich also ein, zu einem Abendessen. In einem Nebensatz, denn im Hauptsatz müssen Sie mir das mit der Absage beibringen, nach 2 Jahren, ohne zielführende inhaltliche Gespräche. Und es fehlen die Begründungen, außer: jetzt eben ZU SPÄT. Natürlich fühlen Sie sich nicht wohl dabei. Denn auch wenn NULLNEUN versucht, das Prozedere der Bearbeitung meiner Projekte korrekt aussehen zu lassen, sprechen unangemessene, verheerende Zeitabläufe, unfassbare Mängel in der Gesprächskompetenz und offen zur Schau getragenes Desinteresse eine deutliche Sprache.
Und jetzt übernehmen Sie dafür die ganze Verantwortung, wie Sie sagen. Aber welche Verantwortung, Herr Heller, wenn diese keine Konsequenzen FÜR SIE, also einen HANDLUNGSBEDARF IHRERSEITS, nach sich zieht, außer dem peinlichen Angebot eines gemeinsamen Abendessens?
Lieber Herr Heller, ich kann Ihre Einladung natürlich nicht annehmen. Die Offensichtlichkeit Ihres Ansinnens, mittels Wirtshaustisch einen geordneten Rückzug aus einer verfahrenen Projekteinreichsituation zu erwirken, löst bei mir tiefe Betroffenheit aus. Ihre gut gemeinte Absicht ist mir Ausdruck dafür, dass Ihnen die wirklich brennenden Fragen zum Kulturjahr, in einer tief verwurzelten Beziehung zu Existenz und Schaffenskraft der Künstler in dieser Stadt, nicht wirklich in die Glieder gefahren sind.
Und das ist jammerschade, für diese Stadt, für dieses besondere Jahr.

Ich verbleibe mit freundlichem Gruß

Stefan Kurowski
Kulturarbeiter, Filmschaffender in OÖ

PS: Zum Schutz meiner Autorenrechte (copyright), ersuche ich um Vernichtung/Löschung aller Einreichunterlagen, wie in der Anlage angeführt. Es versteht sich von selbst, dass eine Weiterreichung an Dritte nicht gestattet ist.

ANHANG:

A) MENSCH; ARBEIT; HOFFNUNG

Teil1: "Mich wundert, dass ich so fröhlich bin",

Mit der voest- Werksbahn auf einer Zeitreise in das Jahr 1945. In den letzen Kriegswochen sollen wichtige städtische Einrichtungen (Hochöfen der HGW, Nibelungenbrücke usw.) gesprengt werden. Beherzte Arbeiter und Politiker wollen dies verhindern. In Bayreuth warten 300 Bomber auf die endgültige Zerstörung von Linz. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Einreichung: 19. Jänner 2006, vier Gespräche, Keine inhaltliche/ formale/ organisatorische/ finanzielle Auseinandersetzung. Mündliche Ablehnung ohne Begründung am 28.02.08 (Berg, Heller). Bis dato kein Ablehnungsschreiben mit Begründungen erhalten.

Teil2: "Modern Times"

Eine Zeitreise mit der Weitschaubahn in das Jahr 2059
Wie werden Arbeits- und Lebenswelten in 50 Jahren aussehen? Wie weit ist der Mensch in der Lage, sich davon ein Bild zu kreieren. Inwieweit ist Zukunft gestalt- und vorstellbar. Lassen sich Utopien überhaupt herstellen?

Einreichung: 19. Jänner 2006, Bearbeitung, Ablehnung wie oben, Teil 1

 
B) CLOSED TOWN

Von Wehrtürmen und BILDERSTÜRMEN, luftige Einsichten zu Linz
Fragile Raumgebilde, als kräftiges Lebenszeichen, entlang der Wehrturmlinie um Linz ( einem militärischen Bollwerk) sollen besondere Einsichten ermöglichen, sind theatrale und mediale Aufführungs-/ Begegnungsorte für außergewöhnliche Betrachtungen, Einblicke, Ausblicke, utopische Vorstellungen....

Einreichung: 23. Oktober 2006, Ein Gespräch mit Projektentwicklerin, die sich, weil theatrales/crossover Projekt, als nicht wirklich zuständig erklärt. Abwürgendes Gespräch, weil offensichtlich zu teuer und anderen/eigenen Projekten im Weg. Redimensionierung besprochen. Kein weiteres Gespräch. Offizielle Ablehnung: 31. Jänner 2007 (Heller). Begründung: Kosten in keinem Verhältnis zum Effekt...zu wenig Nachhaltigkeit...etc.

 
C) PARADIES IM SCHATTEN

Eine satirische Filmbetrachtung
zu den Ausbauplänen Hitlers in seinem geliebten Linz

Einreichung: ca. 6 Monate Entwicklungsarbeit (Jänner bis Juli 2007) in Abstimmung mit Projektentwickler, mehrere Fassungen, offizielle Einreichung 31.07.07, keine offizielles Gespräch. Schriftliche Ablehnung: 27. August 2007 (Heller), Positive Argumente der Projektentwicklung für das Projekt tauchen im Absageschreiben plötzlich als Ablehnungsbegründungen auf. Gespräch am 280208: Berg kennt die Einreichung nicht.

Kulturleitbild Oberösterreich

Willkommen zum Diskurs

siehe auch: www.kulturleitbild.at

Mit dem Projekt "Kulturleitbild Oberösterreich" setzt sich das Land Oberösterreich zum Ziel, über einen breit angelegten, öffentlich geführten Diskussionsprozess Leitlinien, Schwerpunkte und Visionen für die Kulturarbeit der nächsten 15 Jahre zu formulieren.

Von gainfaktor, Stefan Kurowski, wurde nachfolgendes Impuls-/Diskussionspapier verfasst:

 

VOR DEM TELLERRAND

In den letzten 30 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit als Kulturarbeiter hatte ich Gelegenheit und das Glück, an der Entwicklung mehrerer Kulturprojekte, die, so ich es mir recht besehe, immer auch Sozialprojekte waren, mitzuwirken. Sei es als einsamer Streiter für eine Sache, an die ich glaubte oder innerhalb eines von einem Vorhaben beseelten Haufens unzufriedener Kulturschaffender.

Ohne es bewusst zu forcieren, waren die Forderungen und manchmal der Aufschrei für etwas Bestimmtes auch immer ein Kampf gegen etwas: gegen das so genannte Establishment, festgefahrene Strukturen, sich ewig Selbstbestätigendes, gegen ein tradiertes Kunst- und Kulturverständnis. Was zumeist auch hieß: gegen die Abwendung von den Bedürfnissen der Menschen, gewürzt mit einer gesunden Portion egozentrischer Selbstüberschätzung. Nicht nur die Sechziger-, auch die Achtzigerjahre hatten es in sich. In Linz und Oberösterreich konnte sich die Freie Kunst/Kulturszene in all ihren Ausdrucksformen bei Politik und Verwaltung nur langsam durchsetzen. Als Freie(r) KünstlerIn und Gruppe war man inhaltlich unberechenbar. Und es fehlte an Vertrauen an die Managementfähigkeiten von privat organisierten Künstlergruppen, die wiederum finanzielle Hilfestellung brauchten, um die erforderliche Professionalität zu erlangen.
Im zähen Ringen um künstlerische Anerkennung und betriebswirtschaftliches Überleben wurden von beseelten KünstlerInnen und Kulturschaffenden in grenzenloser Selbstausbeutung unermüdlich „Vorschussleistungen“, erbracht. Mittels ihrer fast penetranten Präsenz und Unterstützung hellhöriger Medien gerieten die Politiker zwar unter steigenden Druck, die Kulturschaffenden aber immer stärker in existenzielle Bedrängnis.
Dann endlich: gegen Ende der Achtziger ein spürbarer Paradigmenwechsel in der Förderpolitik von Stadt und Land und ein Aufatmen in der Szene. Man hatte auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gelernt, miteinander umzugehen, die Szene hatte sich mittlerweile gefestigt und weiterentwickelt. Ein „Sowohl- als- auch“, die Förderung von Institutionen der Öffentlichen Hand als auch einer „Freien Szene“ wurde zu einem Markenzeichen der Kulturpolitik.
Ich finde, ein weiterer Meilenstein in der positiven Entwicklung in der oö. Kulturpolitik war schließlich 1988 ein per Landesgesetz installierter Landeskulturbeirat, was bedeutete, dass wesentliche Belange der Kultur einer permanenten öffentlichen Fachdiskussion, mit Vorschlagsrecht an die Landesregierung, ausgesetzt wurde.
Jahre später zog Linz mit einem Stadtkulturbeirat nach. Viele Kulturschaffende haben seit damals (und auch ich zwölf Jahre lang), die Möglichkeit beim Schopf gepackt, der Kulturpolitik des Landes, von innen heraus und mit mehr Möglichkeiten ausgestattet, Impulse zu geben und das Kulturverständnis der Politik an ihren Grenzen
Unzählige kulturelle und künstlerische Vorhaben sind inzwischen umgesetzt und im Dialog mit einer vernünftigen Kulturpolitik ist seit langem die kontinuierliche Weiterentwicklung einer bunten Kunst-/Kulturszene gewährleistet.
Die Probleme sind heute nicht mehr, bei Politik und Beamtenschaft Vertrauen zu erwirken, mit einem außergewöhnlichen Projekt zu überzeugen, sondern die immer noch knappen Finanzmittel für eine boomende Szene gerecht und sinnvoll zu verteilen und vor allem: das Lukrieren zusätzlicher Budgetmittel.
So gesehen besitzen Linz und Oberösterreich in ihrer Förderpolitik seit langem Modellcharakter für Österreich, und über die Grenzen hinaus.

 

IST ALLES ERREICHT?


Warum dieser Exkurs? Ich denke, weil ich mir ins Gedächtnis rufen möchte, dass selbst in einem demokratisch geführten Land, noch dazu einem der reichsten Staaten der Welt, die freie Entfaltung von Kunst und Kultur nicht unbedingt immer den Stellenwert von heute hatte und daher nicht selbstverständlich ist. Und dass wohl alles seine Zeit braucht.
Und ich frage mich, wie mag es da erst im Irak, Afghanistan, Weißrussland oder in vielen anderen Ländern, in denen die Menschen unter gnadenlosen Regimen litten oder ihnen immer noch ausgeliefert sind, mit der freien Entwicklung von Kunst und Kultur bestellt sein?
Und ich frage mich weiter: Ist in unseren Landen alles erreicht, was eine so genannte Freie und immer wieder Neue Freie Szene erreichen wollte? Für den Einzelnen, für die Gruppe, für eine zwingende Idee? Befinden wir uns (abgesehen von chronisch finanziellen Nöten) in einem Zustand der Sättigung unseres kulturellen, künstlerischen Strebens, womöglich sogar einer humanen Befriedung?
Je mehr Welt täglich in unsere Wohnzimmer dringt, umso besser wird sie begreif- und gestaltbar, wird uns von den Medien (oder tun wir das längst selbst?) suggeriert. Wir alle kennen diesen Zustand der grausig wohligen Berieselung vor der Glotze, der auf einem fatalen Missverständnis von Realität beruht. Bis zur Unkenntlichkeit verkürzte, verzerrte Wirklichkeit, in massiver Dichte präsentiert und entkoppelt vom Echtzeiterlebnis, raubte uns den Verstand, würden wir uns nicht durch inneres Abschalten schützen.
Zuweilen packt mich das pure Gefühl von Hilflosigkeit, weil ich ahne, umso mehr von Welt ausgeschlossen zu sein, je raffinierter, geraffter und konsumierbarer sie für mich aufbereitet wird.
Und mittendrin im Infotainmentwahn eine groteske Situation von Weltpolitik (Politik für die Welt?). Ob im Kleinen oder im Großen, sie versucht Sicherheit auszustrahlen, wo es keine gibt. Und sie setzt Entscheidungen in die Welt, die mit dem Volk so nicht ausgemacht sein können.
Und ich frage mich, wie sich wappnen, wie sich wehren gegen dieses unfassbare "Danebenstehen" um nicht im Sog der Ereignisse, ob wir wollen oder nicht, mitgerissen zu werden?

Natürlich sind wir Kultur-/Kunstschaffende hier im scheinbar geschützten Raum versucht, einer gängigen Schutzbehauptung nachzuhängen: Wir können nichts für den Irrsinn in der Welt. Was wir tun, tun wir hier in der Hoffnung auf ein wenig Ausstrahlung über unsere persönlichen und geographischen Grenzen hinaus. Und ein bisschen verbunden sind wir ja mit der Welt, wir treffen einander, tauschen aus und wir jonglieren in der unverfänglichen Anonymität des Webs. Und mehr geht halt nicht für den Augenblick, überstiege unsere Möglichkeiten.
Und das stimmt ja auch und dann wieder überhaupt nicht. Und vor allem: Was nützt uns diese Denkweise, wenn womöglich gerade diejenigen die Welt, unser Land, unsere Stadt oder unser Haus zusammenhauen, die wir mit unserer Kulturarbeit nicht erreichen konnten?

 

KNOCHENARBEIT!


Professionelle Kulturarbeit ist Knochenarbeit; Arbeit von Menschen für Menschen für einen einzigen Zweck: Menschlichkeit.
Hehre Worte und schwer umzusetzen, selbst im eigenen Land, muss man ja zunächst bei sich selbst und seinem Umfeld anfangen, wenn man ein/e glaubwürdige/r VermittlerIn sein möchte. Denn das ist Kulturarbeit letztlich: Vermittlungsarbeit. Unterwegs von der Zelle zu einem größeren Gebilde und wieder zurück. Kulturarbeit ist in diesem Sinne die Sache jedermanns. In einem weiteren, agitatorischen, animatorischen, gestalterischen und manchmal visionären Sinne war sie immer schon die Sache von Stellvertretern, den so genannten Profis: Politiker, Beamte, SozialarbeiterInnen, Hilfsorganisationen, kirchlichen Gemeinschaften usw. und als neueste Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, des/der Kulturarbeiters/in.
Funktioniert das Wechselspiel, das Schneeballsystem, das Pingpongspiel der Kulturarbeit in seiner Vernetzung und Ausbreitung im eigenen Land und über die Grenzen hinaus?
Gnadenlos streng genommen sicher nicht, sonst wären die Menschen auf unserem Erdball satt, befriedet und mit sauberer Luft versehen.
Sind sie aber nicht.
Weniger streng genommen wohl auch nicht, sonst träfen diese Selbstverständlichkeiten zumindest für die Bewohner unseres Kontinents zu, unserer Nachbarstaaten, eines entlegenen Dorfes im Osten unseres Landes, aus dem meine Nachbarin fliehen musste.
Tun sie aber keineswegs.
Patschert und unprofessionell ausgedrückt kann das nur heißen: In den nationalen und globalen politischen Systemen, systemimmanent gilt das auch für Kunst-/Kultur-schaffende, müssen unzählige Hunde begraben sein, die scheinbar niemand auszubuddeln vermag. Tendenz zunehmend.


SIND WIR NOCH GEFRAGT?


In dieser unfassbaren Unübersichtlichkeit, dieser undurchschaubaren Komplexität, wo noch seinen Platz finden, wie noch sinnvoll agieren, den richtigen Hebel umlegen?
Keinen blassen Schimmer.
Vielleicht im TUN.
ES tun.
Sein Ding.
Hellhörig, feinfühlig.
Und weiterhin agieren.
Gegen menschliche Verrohung, gegen Abstumpfung, für die Belebung der Sinne.
Sich in Bewegung halten.
Wir haben Notstand.

Künstlerische Arbeit, Kulturarbeit: Mehr denn je ist sie gefragt und muss von der öffentlichen Hand mit mehr Budget und Strukturen ausgestattet werden. Wesentlich mehr.

Uns Kunst-/Kulturschaffenden sei zu wünschen, dass es uns immer besser gelingen möge, über den eigenen Tellerrand, über die Grenzen, im Kopf und geographisch, zu schauen. Jeder von seinem Platz aus, mittels seines erworbenen Know-hows und gestärkt von der Sicherheit seiner Profession, sich mit Schwachen zu solidarisieren, mit Visionären zu verbünden, in Unrecht einzumischen, sei es vor Ort oder an der Basis, immer an den Brennpunkten unserer Zeit.
Abseits ausgetretener Pfade.
Für offene Grenzen, für ein staubfreies Atmen.
Für ein friedfertiges Nebeneinander, für das eigene Selbstverständnis.
Zum eigenen Schutz.
Haben wir im Wettlauf mit der Zeit überhaupt noch eine andere Wahl?

Stefan Kurowski


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